Ein schwarzer Strich setzt eine ganze Welt


Gedanken zu einigen Arbeiten von Hana USUI

Mit dynamischer Intensität stürmt das Zeichengerät über das Blatt und formt drei Bündel aus schwarzen Linien, die wie in einer komplexen Choreographie den Bildraum ausloten. Schichten von verdünnter Tusche lassen einen zarten, wie duftend anmutenden Bildraum in vielzahligen Tönungen von Grau entstehen, indem sich der Farbauftrag in wolkenförmige Gebilde verdichtet oder helle Seenflecken mit verschwimmenden Rändern zum Vorschein kommen. Die drei gewinkelten Liniengruppen wirken wie auf Striche reduzierte Körper, die in einem wilden abstrakten Tanz umeinander schwingen.
Die auf den ersten Blick eher karg, in ihrer konsequenten Reduktion fast minimalistisch wirkenden Blätter der japanischen Künstlerin Hana Usui, entfalten eine erstaunliche Vielfalt der Formen, eine unglaublich nuancenreiche Farbigkeit und ein vielstimmiges Ausdrucksspektrum.
Sie beeindrucken beim genaueren Hinsehen durch die raffinierte Anwendung der maltechnischen Mittel, mit der die Bildwirkungen erzielt werden, und bleiben dabei doch schlicht und diszipliniert, ohne theatralische Geste oder überflüssige Showeffekte.
Hana Usui versteht es wie nur wenige Künstler ihre malerischen Ausgangsmaterialien Papier, japanische Tusche und Ölfarbe zu verwandeln und ihre materiellen Eigenschaften einerseits zu nutzen und andererseits vergessen zu machen. Wenn bei einigen Blättern die feinen Abstufungen der Farbe und die verschwimmenden Ränder der helleren Farbflecken auffallen, so kann man im Gespräch mit ihr erfahren, dass sie oft beide Seiten des dünnen Japanpapiers bearbeitet und so manche Wirkungen dadurch erzielt werden, dass eine Farbschicht von der Rückseite her durchschimmert.
Manchmal ist auch ein zweites Papier auf der Rückseite befestigt, sodass die „Schauseite“ des Blattes sich beim Aufhängen ein wenig von der Wand oder im Rahmen vom Bildträger abhebt und das Bild in eine schwebende Position bringt, was wiederum den Eindruck der Leichtigkeit und Anmut verstärkt. Das Verschwinden der materialen Qualitäten im Laufe des Arbeitsprozesses erscheint mir als eine ebenso beherrschende wie bemerkenswerte Eigenheit der Arbeiten von Usui, weil sie es auf unnachahmliche und besondere Weise schafft, mit ihrer Kunst immaterielle geistige Räume zu öffnen und auch für den Betrachter zu erschließen.
Die schwarzen Linien und ihre Wege über die Bildfläche oder ihre Bewegungen im Bildraum legen dabei die Spuren, an denen entlang sich die Wanderung in den poetischen Raum vollziehen kann. Sie sind breit und kräftig auf das Blatt gesetzt und gehen eine gerade Diagonale, knicken ab im flachen Winkel oder ändern abrupt die Richtung um 90°, sie sind glatt oder mit fransigen Rändern, exakt und scheinbar zielsicher, bis sie im Aufhören der Malbewegung ein gerades oder gerundetes Ende finden oder in einer feinen Spitze auslaufen. Sie können aber auch mit rhythmischen Schwüngen als kurze Akzente über das Bild hüpfen, sich zu Spiralen, Kreisen oder Ellipsen verknäueln, sich gegenseitig berühren oder Abstand halten, sich im parallelen Verlauf nähern und entfernen, in großen oder kleinen Bögen schwingen, sich kreuzen, durchschneiden oder in Zackensprüngen verzittern.
Dabei können die schwarzen Linien auf vielfältige Weise zur Erscheinung kommen. Bei Usui entstehen sie nicht nur, indem sie einen farbgetränkten Pinsel über die Blattoberfläche führt. Eine ausdrucksvolle schwarze Linie kann auch dadurch hervorgebracht werden, dass die Künstlerin mit der Rolle eine kleine Fläche mit schwarzer Ölfarbe bedeckt, dann einen Bogen Papier darauf legt und mit einem Schraubenzieher energisch und nachdrücklich über das Blatt streicht. Und wenn man bei der Vorführung nach dieser ersten Aktion gemeinsam das Blatt betrachtet, ist schon erkennbar, dass mit dieser „Prima Linea“ auch eine „Prima Idea“ gesetzt ist und sofort ein ganzer Raum, eine poetische Stimmung und eine vibrierende Atmosphäre entstanden ist.
Oder das Bild einer Landschaft?… Wer je eine Reise nach Lanzarote unternommen hat, wird den Eindruck der von schwarzer Lava mit ihren erstarrten Fließspuren geprägten Landschaft für immer in seiner Erinnerung tragen, ebenso wie die Bilder von den charakteristischen halbrunden, von schwarzem Sandgriesel gefüllten beckenähnlichen Terrassen, in denen Tomaten oder Weintrauben wachsen. Und er wird solche Merkmale dieser Landschaft auf den Blättern Usuis wieder erkennen können, die zwar keine Titel tragen, aber in diesem Sommer anlässlich einer Reise auf die Insel entstanden sind.
An diesen Blättern lässt sich – gerade im Vergleich mit den Eindrücken von einer Reise – aber auch nachvollziehen, wie weit die Künstlerin den Prozess der Abstraktion voran treibt und dass der Verzicht auf eine Betitelung der Blätter keine Künstlermarotte ist, sondern direkt aus ihrem Kunstverständnis folgt, das keinen subjektiven Ausdruck emotionaler Zustände anstrebt. Vielmehr zielt ihre Arbeit auf die Entwicklung von Bildprozessen, die sich in Raum und Zeit, zwischen Einfall und Zufall, im Zusammenspiel von Empfinden, Denken und Handeln entwickeln und durch einen Entscheidungsakt der Künstlerin zu ihrem Endzustand kommen.
In einer kritischen Würdigung wurde Usui in die Nähe des abstrakten Expressionismus gestellt, doch sehe ich sie in ihrer Kunstauffasung eher in der Nähe des Minimalismus oder des vom Zen-Buddhismus beeinflussten John Cage, wenn man ihre Arbeit in eine Beziehung zur westlich-amerikanischen Kunst setzen will. Da Hana Usui seit einigen Jahren in Berlin lebt, könnte man auch Verbindungslinien zu abstrakt-informellen Traditionen deutscher Provenienz konstruieren und vielleicht wird man in einigen Jahren solche Einflüsse aus dem künstlerischen Erbe ihres neuen Lebensraumes entdecken können.
Dass die Künstlerin von der klassischen japanischen Kalligraphie herkommt, kann vielleicht nur noch ein ausgewiesener Kenner feststellen, aber dass sie eine ganz eigene Art entwickelt hat, eine Linie als autonome Form zu begreifen und sie als freie abstrakte Spur des Malaktes zu entwickeln, wird mit jedem Blatt überzeugend deutlich. Die Verbindung zu traditionellen Verfahrensweisen ist also im Wesentlichen von rhizomatischer Natur in der Auffassung des Malvorgangs als eines kontrollierten und meditativen Schaffensprozesses.
Der bedeutendste Schritt, der sie von klassischer Auffassung weg führte, liegt in der Bearbeitung der gesamten Bildfläche. Bei Usui gibt es keine Leerstellen und weißen Flächen, keinen Gegensatz zwischen Farbe und Nicht-Farbe, keine Differenzierung nach Motiv und Hintergrund, sondern nur eine vollständig bis zu den äußersten Rändern durchgestaltete Bildebene, die unabhängig davon, ob sie mit einem Rahmen oder im Plexiglaskasten präsentiert oder direkt auf der Wand befestigt wird, immer auch in ihre Umgebung und in den Raum abstrahlt und mit der ihr eigenen energetischen Intensität die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Katue Kitasono (1902-1978), ein namhafter Vertreter der „Visuellen Poesie“ in Japan, schrieb 1966 für die Zeitschrift „VOU“ einen programmatischen Artikel mit „Notizen über plastische Poesie“, dem nachfolgendes Zitat entnommen wurde: „Die Geschichte der Poesie, die mit einer Gänsefeder anfing, soll mit einem Kugelschreiber aufhören. Ob Poesie zugrunde geht oder Gelegenheit zur neuen Entwicklung hat, hängt davon ab, was für ein Ausdrucksmittel der gegenwärtige Künstler nach dem Kugelschreiber wählt.“ Hana Usui wählt nicht nur den Schraubenzieher, um ihre Kunst voran zu treiben. Fest steht aber, dass mit ihr Kunst und Poesie eine Zukunft haben.

 
Berlin im September 2006
Dr. Brigitte Hammer
 


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