Joachim Peeck ist innerhalb der Malerszene Berlins ein
outsider, auch ein Einzelgänger. Er gehört keiner Malergruppe an,
ist nicht Mitglied einer Selbsthilfegalerie.
Seine Bilder lassen sich nicht eindeutig einer Stilrichtung zuordnen.
Weder der "Heftigen Malerei", noch einer "gestischen Abstraktion".
Und doch hat er in seinem Œuvre von allem etwas - und von allem nichts.
Dies scheint ein Widerspruch und bedarf der Erklärung. Für ihn gilt
nur bedingt, dass die Stadt, Berlin, den spezifischen Background seiner
Arbeiten abgibt, sich in ihnen widerspiegelt. Das macht ihn zum outsider,
der zwar alle Spielregeln der "Subkultur" kennt, sie zielgerichtet
einsetzt und sich ihnen doch in seiner Malerei auf seine ironische
und in dieser Ironie gleichsam moralische Art und Weise nähert. Vielleicht
resultieren daraus seine figurativen Arbeiten, während die Mehrzahl
seiner eher freien Arbeiten der Stadt im Sinne eines Reservoirs der
künstlerischen Auseinandersetzung mit ihr nicht bedarf.
Peeck ist kein Maler, der einem malerischen Konzept folgt, sondern
Haltungen, Stimmungen. Gefühle malt - von ihnen seine Anregungen erhält
und immer seine eigene Haltung im Bild zum Ausdruck bringt. Will man
Peeck als Mensch kennen lernen, gelingt dies am ehesten, indem man
in seinen Bildern liest, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Auch wenn
dieses Buch die Intimität eines Tagebuches besitzt. Auch, wenn es
weniger die Person ist, als die Gedanken, die darin zum Ausdruck kommen.
Seine Bildthemen sucht er nicht, er findet sie eher zufällig, wenn
er optisch von einer Sache angeregt wird. Einem "schönen" Bild zum
Beispiel, das er in seine Bildsprache übersetzen will. Dass dies auch
von sehr momentanen Stimmungen abhängig ist, liegt auf der Hand und
erklärt u.a. seine "Stillosigkeit" , die Vielseitigkeit seiner Themen,
die Inhalte und formalen Lösungen, die er dafür findet. Gibt es doch
Bilder, die emotional, schwer sind und deutlich zeigen, wie hier einer
seine Wut abmalt - und auch solche, die eine Leichtigkeit und Offenheit
zum Ausdruck bringen, die nur einer gelösten, lockeren Stimmungslage
entspringen können.
Viele seiner Bilder, am stärksten festzustellen an seinen "Notenbildern",
sind mehr oder weniger freie Auseinandersetzungen mit rhythmischen
Strukturen. Sie "übersetzen" auch hier wieder die Struktur des einen
Mediums in die eines anderen, bekommen so einen abstrakten Grundgestus
und zeigen doch die Nähe zu einer abstrahierten Gegenständlichkeit
voller Schwünge und rationaler Verhaltenheit. Bei diesen Bildern ist
ein kühler Macher am Werk, der nüchtern und trocken mit einem sicheren
Farbgefühl seine Arbeit vollendet.
Seine Sicherheit zeigt sich auch darin, dass kaum eine seiner Arbeiten
dem langwierigen Prozess ständiger Übermalungen und Nachbearbeitungen
unterliegt, sondern dass in einem Zug durchgearbeitet wird: konzentriert,
schnell. Der Strich muss sitzen - und er sitzt, weil Peeck malt, was
er im Kopf hat und wie er es im Kopf hat und deshalb nur bedingt erst
auf der Leinwand entwickeln muss. Dass dazu Beobachtungsgabe und -fähigkeit
die Grundlage und Voraussetzung bilden, ist evident und wird durch
eine Aussage von ihm zusätzlich belegt, wenn er in einem Gespräch
äußert: "Du musst einen Baum einen Tag lang anschauen und dann, zack
zack ‚runtermalen." Das gibt seinen Bildern den kräftigen Fluss und
auch den Rhythmus.
Wenn Peeck Flächen gegeneinander setzt, entstehen Räume, auch wenn
es Figuren sind, die teils schablonenartig erscheinen oder Landschaften
sichtbar werden, die An- und Aufsicht zugleich scheinen, während in
anderen Arbeiten Figuren stakkatoartig mit minimalen Pinselhieben
aus dem hellen Untergrund herausgeschlagen werden oder in einem diffusen
Untergrund verschwimmen.
Doch Peeck malt nicht nur Bilder, die sich in einem eher halbabstrakten
Bereich bewegen. In seinem Œuvre finden sich auch bissige figurative
Arbeiten voller distanzierter Ironie, aber hohem moralischen Anspruch.
Hier dominiert weniger das rhythmische Moment oder die Auseinandersetzung
mit Farbwirkungen und -klängen, sondern eine ans märchenhafte erinnernde
Rabulistik. Hier werden menschliche Haltungen, zwischenmenschliche
Beziehungen kritisch auseinander genommen und symbolhaft verfremdet,
wenn die Figuren mit Krokodilschnäbeln versehen werden und doch in
sinnlich eindeutigen Haltungen agieren oder sich gegenübertreten.
Eine zusätzliche Verfremdung durch die Titel verstärkt die ironische
Haltung dieser Bilder. Vielleicht, um dadurch vom dahinterstehenden
moralischen Anspruch abzulenken und alles nur als einen Witz abzutun.
Dazu jedoch sind die Arbeiten zu ernsthaft - und auch zu souverän
gemalt. Eine Malerei - und das gilt auch für die anderen erwähnten
Arbeiten - die nur selten schwere, pastose Ölmalerei ist, sondern
lockere, souverän gehandhabte flache Malerei, die Dispersionsfarbe
wie Öl und Öl wie Dispersionsfarbe erscheinen lässt. Peeck hat dafür
u.a. eine Technik entwickelt, die es ihm gestattet, Öl und Wasser
zu mischen, um die Farbe stumpf zu machen.
Hier zeigt sich auch eine Zurückhaltung Peecks, die nicht dem Inhalt
das Primat zubilligt, sondern mehr der Malerei um der Malerei willen.
Auch wenn sich in seinen großformatigen Arbeiten immer wieder ein
noch ungelöster Konflikt zwischen Inhalt und Emotion spiegelt: die
noch nicht völlige Lösung von einer stimmungsabhängigen Malerei. Die
"Rationalität" der Peeck'schen Malerei ist vielleicht deshalb nicht
durchgängig kühl und gleichzeitig so verwirrend konzeptionslos, weil
sie eine in hohem Maße sympathisch naive Komponente besitzt, die den
Maler Peeck nicht über seine Bilder reden, sondern sie malen lässt.
Immer wieder neue. Immer wieder andere. Immer wieder überraschende.
Gemessen an der fraglichen Begrifflichkeit der "Neuen Wilden" erscheinen
mir nicht seine Bilder wild, jedoch die wirbelnde Vielfalt seiner
Gedanken, Ideen und Vorstellungen. Vielleicht ist die Malerei für
Peeck das Vehikel, diesem Wirbel Richtung und Bahn zu geben und hindert
den Betrachter seiner Arbeiten daran, eine eindeutige Linie in seinen
Arbeiten zu finden, die eine Zuordnung gestattet und die dem Kritiker
die Möglichkeit geben würde, Peeck in der Schublade eines x-beliebigen
Stiles abzulegen.
Der Umfang der künstlerischen Potenz und zugleich auch ein erstaunliches
Maß an Unerwartetem äußert sich besonders in seinen von ihm selbst
als "Tagebuchblätter" bezeichneten, nur 30 x 21 cm messenden Aquarellen,
Fettstift-, Kreide- und Bleistiftzeichnungen unterschiedlicher Art
und Technik, die von ihm in einer Vielzahl von Ordnern abgelegt werden.
Ein Konglomerat verschiedener Stile, Inhalte und Themen: eine Form
des Sich-Freimachens, um wieder Bilder malen zu können.
Immer wieder neue! |
| Berlin, am 15.3.1985 |
Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichborn
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