Joachim Peeck
Katalogtext zu Joachim Peeck anlässlich der Ausstellung Berliner Künstler in Kanada 1985
von Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichborn

Joachim Peeck ist innerhalb der Malerszene Berlins ein outsider, auch ein Einzelgänger. Er gehört keiner Malergruppe an, ist nicht Mitglied einer Selbsthilfegalerie.

Seine Bilder lassen sich nicht eindeutig einer Stilrichtung zuordnen. Weder der "Heftigen Malerei", noch einer "gestischen Abstraktion". Und doch hat er in seinem Œuvre von allem etwas - und von allem nichts. Dies scheint ein Widerspruch und bedarf der Erklärung. Für ihn gilt nur bedingt, dass die Stadt, Berlin, den spezifischen Background seiner Arbeiten abgibt, sich in ihnen widerspiegelt. Das macht ihn zum outsider, der zwar alle Spielregeln der "Subkultur" kennt, sie zielgerichtet einsetzt und sich ihnen doch in seiner Malerei auf seine ironische und in dieser Ironie gleichsam moralische Art und Weise nähert. Vielleicht resultieren daraus seine figurativen Arbeiten, während die Mehrzahl seiner eher freien Arbeiten der Stadt im Sinne eines Reservoirs der künstlerischen Auseinandersetzung mit ihr nicht bedarf.

Peeck ist kein Maler, der einem malerischen Konzept folgt, sondern Haltungen, Stimmungen. Gefühle malt - von ihnen seine Anregungen erhält und immer seine eigene Haltung im Bild zum Ausdruck bringt. Will man Peeck als Mensch kennen lernen, gelingt dies am ehesten, indem man in seinen Bildern liest, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Auch wenn dieses Buch die Intimität eines Tagebuches besitzt. Auch, wenn es weniger die Person ist, als die Gedanken, die darin zum Ausdruck kommen.

Seine Bildthemen sucht er nicht, er findet sie eher zufällig, wenn er optisch von einer Sache angeregt wird. Einem "schönen" Bild zum Beispiel, das er in seine Bildsprache übersetzen will. Dass dies auch von sehr momentanen Stimmungen abhängig ist, liegt auf der Hand und erklärt u.a. seine "Stillosigkeit" , die Vielseitigkeit seiner Themen, die Inhalte und formalen Lösungen, die er dafür findet. Gibt es doch Bilder, die emotional, schwer sind und deutlich zeigen, wie hier einer seine Wut abmalt - und auch solche, die eine Leichtigkeit und Offenheit zum Ausdruck bringen, die nur einer gelösten, lockeren Stimmungslage entspringen können.

Viele seiner Bilder, am stärksten festzustellen an seinen "Notenbildern", sind mehr oder weniger freie Auseinandersetzungen mit rhythmischen Strukturen. Sie "übersetzen" auch hier wieder die Struktur des einen Mediums in die eines anderen, bekommen so einen abstrakten Grundgestus und zeigen doch die Nähe zu einer abstrahierten Gegenständlichkeit voller Schwünge und rationaler Verhaltenheit. Bei diesen Bildern ist ein kühler Macher am Werk, der nüchtern und trocken mit einem sicheren Farbgefühl seine Arbeit vollendet.

Seine Sicherheit zeigt sich auch darin, dass kaum eine seiner Arbeiten dem langwierigen Prozess ständiger Übermalungen und Nachbearbeitungen unterliegt, sondern dass in einem Zug durchgearbeitet wird: konzentriert, schnell. Der Strich muss sitzen - und er sitzt, weil Peeck malt, was er im Kopf hat und wie er es im Kopf hat und deshalb nur bedingt erst auf der Leinwand entwickeln muss. Dass dazu Beobachtungsgabe und -fähigkeit die Grundlage und Voraussetzung bilden, ist evident und wird durch eine Aussage von ihm zusätzlich belegt, wenn er in einem Gespräch äußert: "Du musst einen Baum einen Tag lang anschauen und dann, zack zack ‚runtermalen." Das gibt seinen Bildern den kräftigen Fluss und auch den Rhythmus.

Wenn Peeck Flächen gegeneinander setzt, entstehen Räume, auch wenn es Figuren sind, die teils schablonenartig erscheinen oder Landschaften sichtbar werden, die An- und Aufsicht zugleich scheinen, während in anderen Arbeiten Figuren stakkatoartig mit minimalen Pinselhieben aus dem hellen Untergrund herausgeschlagen werden oder in einem diffusen Untergrund verschwimmen.

Doch Peeck malt nicht nur Bilder, die sich in einem eher halbabstrakten Bereich bewegen. In seinem Œuvre finden sich auch bissige figurative Arbeiten voller distanzierter Ironie, aber hohem moralischen Anspruch. Hier dominiert weniger das rhythmische Moment oder die Auseinandersetzung mit Farbwirkungen und -klängen, sondern eine ans märchenhafte erinnernde Rabulistik. Hier werden menschliche Haltungen, zwischenmenschliche Beziehungen kritisch auseinander genommen und symbolhaft verfremdet, wenn die Figuren mit Krokodilschnäbeln versehen werden und doch in sinnlich eindeutigen Haltungen agieren oder sich gegenübertreten. Eine zusätzliche Verfremdung durch die Titel verstärkt die ironische Haltung dieser Bilder. Vielleicht, um dadurch vom dahinterstehenden moralischen Anspruch abzulenken und alles nur als einen Witz abzutun. Dazu jedoch sind die Arbeiten zu ernsthaft - und auch zu souverän gemalt. Eine Malerei - und das gilt auch für die anderen erwähnten Arbeiten - die nur selten schwere, pastose Ölmalerei ist, sondern lockere, souverän gehandhabte flache Malerei, die Dispersionsfarbe wie Öl und Öl wie Dispersionsfarbe erscheinen lässt. Peeck hat dafür u.a. eine Technik entwickelt, die es ihm gestattet, Öl und Wasser zu mischen, um die Farbe stumpf zu machen.

Hier zeigt sich auch eine Zurückhaltung Peecks, die nicht dem Inhalt das Primat zubilligt, sondern mehr der Malerei um der Malerei willen. Auch wenn sich in seinen großformatigen Arbeiten immer wieder ein noch ungelöster Konflikt zwischen Inhalt und Emotion spiegelt: die noch nicht völlige Lösung von einer stimmungsabhängigen Malerei. Die "Rationalität" der Peeck'schen Malerei ist vielleicht deshalb nicht durchgängig kühl und gleichzeitig so verwirrend konzeptionslos, weil sie eine in hohem Maße sympathisch naive Komponente besitzt, die den Maler Peeck nicht über seine Bilder reden, sondern sie malen lässt. Immer wieder neue. Immer wieder andere. Immer wieder überraschende. Gemessen an der fraglichen Begrifflichkeit der "Neuen Wilden" erscheinen mir nicht seine Bilder wild, jedoch die wirbelnde Vielfalt seiner Gedanken, Ideen und Vorstellungen. Vielleicht ist die Malerei für Peeck das Vehikel, diesem Wirbel Richtung und Bahn zu geben und hindert den Betrachter seiner Arbeiten daran, eine eindeutige Linie in seinen Arbeiten zu finden, die eine Zuordnung gestattet und die dem Kritiker die Möglichkeit geben würde, Peeck in der Schublade eines x-beliebigen Stiles abzulegen.

Der Umfang der künstlerischen Potenz und zugleich auch ein erstaunliches Maß an Unerwartetem äußert sich besonders in seinen von ihm selbst als "Tagebuchblätter" bezeichneten, nur 30 x 21 cm messenden Aquarellen, Fettstift-, Kreide- und Bleistiftzeichnungen unterschiedlicher Art und Technik, die von ihm in einer Vielzahl von Ordnern abgelegt werden. Ein Konglomerat verschiedener Stile, Inhalte und Themen: eine Form des Sich-Freimachens, um wieder Bilder malen zu können.

Immer wieder neue!
 
Berlin, am 15.3.1985
Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichborn


Joachim Peeck
von Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann-Eichborn

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