Papier ist geduldig oder was das Leben übrig
ließ Anmerkungen zu einigen neuen Papierarbeiten von
ELEONORE FUCHS-HEIDELBERG |
Arbeiten auf Papier nehmen im Werk der Malerin einen gleichrangigen
Platz neben den Leinwandbildern ein. Im Frühjahr dieses Jahres
hat ELEONORE FUCHS-HEIDELBERG in wenigen Wochen drei neue Zyklen ("Terra-Blätter",
"Couvert-Blätter" und "The Twins") geschaffen,
die jüngst im Charlottenburger Kunstkontor von Hartmut Rampoldt
in einer eindrucksvollen Präsentation zu sehen waren. Nach einer
durch den Atelierumzug erzwungenen winterlichen Arbeitspause erscheint
sie mit dieser Ausstellung sozusagen "in neuer Hochform"
vor den Augen der Kunstfreunde, denn die insgesamt 34 Blätter
zeugen von vitaler Schaffenslust, kraftvoller Intensität, beeindruckender
Sicherheit im Einsatz ihrer Mittel und lebhafter Spontaneität
im Ausdruck.
Das von Fuchs-Heidelberg verwendete Römerturm-Bütten
als Trägermaterial für die Bildschöpfungen stammt
aus dem Vorrat eines Künstlerkollegen, der es dieser längst
nicht mehr produzierenden Firma in den sechziger Jahren abkaufte.
Die schwere Papierqualität hat so schon selbst eine spezifische
Aura und weist dabei zahlreiche Eigenschaften auf, die der Arbeitsweise
der Künstlerin entgegenkommen. Es wird nicht nur variantenreich
bemalt, beschrieben und beklebt, sondern bildet mit seinem weichen
Chamoiston einen adäquaten Hintergrund für die Materialkontraste,
die die Künstlerin erzielt, indem sie Papierstücke von
differierender Beschaffenheit in ihre komplexen Kompositionen einfügt.
Die rauhe Oberfläche nimmt die verschiedenen Farbmischungen
unterschiedlich stark auf, sodass lasierende Effekte entstehen und
setzt der Rohrfeder, die die schwarze Farbe auf das Bild aufträgt,
einigen Widerstand entgegen, sodass neben den skripturalen Federschwüngen
auch vielförmige Spritzer und Flecken auf dem Papier landen.
Wie in ihren Leinwandbildern arbeitet Fuchs-Heidelberg auch bei
ihren Papierarbeiten in Schichten und mit Schichtungen, doch während
sie in der Malerei nur mit den Möglichkeiten der "reinen"
Farbe ihre bewegenden Werke gestaltet, setzt sie auf den Blättern
neben Farben und Skriptol auch auf die Wirkung von eingeklebten
Materialien: Fetzen besonderer Papiere mit auffallender taktiler
Qualität, wie die Fasern, Körner oder Samenpartikel von
Japanpapieren oder solche mit Gebrauchsspuren - von den mit chinesischen
Schriftzeichen oder spanischen Worten bedruckten Einkaufstüten
über Ausrisse aus fremdsprachigen Zeitungen oder Telefonbüchern
bis hin zu Geldscheinen fremder Währungen, Briefumschlägen
aus allen Himmelsrichtungen und Resten von alten Kontorbüchern
und Formularen. Manchmal findet sich auch ein welkes Maisblatt oder
flach aufgeklebte Rindenteile wie in den "Fibres of Cinnamon"
aus dem Zyklus der zehn ca. 80 x 60 cm großen "Terra-Blätter".
Bemerkenswert ist dabei, dass die sichtbaren visuellen Qualitäten
der hinzugefügten Materialen trotz ihrer besonderen Stofflichkeit
und eigenwilligen Ausstrahlung ganz einem malerischen Gestaltungszweck
dienen und innerhalb der Bildgestaltung als Farbvaleurs, Formkontraste
oder rhythmische Akzente auftreten. Gleichzeitig gehen von ihnen
bestimmte Farbimpulse aus, die den Bildaufbau beeinflussen und die
Farbstimmung jedes einzelnen Blattes prägen. So lässt
sich an jeder Komposition ablesen, wie die Künstlerin von den
optischen Eigenschaften und Vorgaben solcher Realitätspartikel
und Lebensspuren, deren Herkunft aus einem verlorenen profanen Zusammenhang
wahrnehmbar bleibt, angeregt wird, wie sie auf diese im künstlerischen
Gestaltungsprozess einfühlend reagiert und sie in ausdrucksstarke
Elemente des Bildgeschehens verwandelt.
Dabei entstehen mitunter auch verblüffende Effekte und überraschende
Einsichten. In der zwölfteiligen Serie der "Couvert-Blätter"
hat sie ihre "Arbeitsfläche" auf dem kostbaren Büttenkarton
mit gebrauchten Briefumschlägen präpariert. Das mehr oder
weniger vergilbte und verwitterte, gelegentlich auch farbige Papier
der Umschläge mit den bunten Marken aus manchmal entlegenen
Weltgegenden und den unterschiedlichen Handschriften, die die Adressen
aufbrachten, geben eine bestimmte regelmäßige Struktur
aus Ähnlichem und Verschiedenem vor, lasierend aufgetragene
Aquarellfarben werden mit opaken Pinselzügen kombiniert und
erreichen unterschiedlich gefärbte Gestimmtheiten, aus derem
gleichmäßig schwingenden Rhythmus sich manche Elemente,
wie zum Beispiel die schrille Farbigkeit der Briefmarken, als lebhafte
Akzente herausheben.
Das assoziierende Auge des Betrachters folgt in Gedanken den Briefschreibern
und Adressaten an ihre Orte, erinnert sich vielleicht bei dem einen
oder anderen Ortsnamen an eigene Reisen oder noch unerfüllte
Reisewünsche und vergegenwärtigt sich, was "Unterwegssein"
bedeuten kann: neben der Gelegenheit zu ungewöhnlichen Eindrücken
und neuen Erfahrungen auch der Verlust der heimischen Sicherheit
und der Schutz des Gewohnten und außerdem die Konfrontation
mit Risiken und Gefahren. Und plötzlich fügen sich die
Flächen und Rhythmen auf den Blättern zu einer Gestalt
von Hausfassaden, hinter denen in Berlin und anderswo die Menschen
wohnen, leben und arbeiten und wir entdecken Bilder von Behausungen,
die ein Gefühl von stiller Vertrautheit und heiterem Geborgensein
auslösen.
Ganz anders geartet sind dagegen jene Überlegungen und Emotionen,
die einem bei der Betrachtung der "The Twins" genannten
Reihe von zwölf kleineren, etwa 50 x 40 cm großen Blättern
aufsteigen. Natürlich sind uns die erschütternden Ereignisse
im September vorigen Jahres, die die Twin Towers des World Trade
Centers plötzlich und unerwartet aus der Skyline von New York
verschwinden ließen und fast dreitausend Menschen das Leben
nahmen, noch allzu gegenwärtig und so in das Gedächtnis
eingebrannt, dass man die Blätter nicht unbewegt und erinnerungslos
anschauen kann. Und doch ergreift mich eine erkwürdige Widersprüchlichkeit
und spannungsvolle Ambivalenz des Empfindens angesichts dieser Bilder,
denn einerseits kann ich die Kenntnis von der grauenvollen Katastrophe
jenseits des großen Meeres nicht beiseite schieben, aber andererseits
vermag ich nicht zu übersehen, dass diese Arbeiten nicht nur
gestalterisch gelungen und ästhetisch vollkommen, sondern darüber
hinaus ausgesprochen schön und mit Lust anzuschauen sind.
Alle Blätter variieren ein kompositorisches Prinzip, dessen
Grundelemente aus einer schmalen, horizontal liegenden Rechteckform
als Basis und zwei senkrecht aufragenden Rechtecken von geringer
Breite bestehen, über die sich ein Gespinst aus explodierenden
schwarzen Strichen und Zickzackenlinien legt. Mehrmals wird eines
der senkrechten Rechtecke von einer aufgeklebten Banknote, mal ein
brauner 100-Pesetenschein oder eine blaue 50-Dinar-Note, gebildet
und damit auf die Funktion der Türme als Konzentrationsort
und Symbol internationaler Kapitalströme angespielt. Die Zerstörung
der Türme war und ist schrecklich und wirkt nachhaltig in das
Bewußtsein und das Lebensgefühl vieler Menschen.
Die Künstlerin unternimmt im Wissen um das Grauen gar keinen
Versuch, das Entsetzen zu gestalten, denn sie fühlt, dass der
Schrecken formlos ist. Die Kunst findet hier eine Grenze und höchstens
in der Imagination oder auf dem Papier kann vielleicht geheilt werden,
was der Wirklichkeit entrissen wurde. So hat sie denn fein komponierte,
eindrucksvolle und ausdrucksstarke, dabei gleichwohl intime Erinnerungsblätter
geschaffen, die als dauerhafte Memoriale ein stilles Gedenken erlauben.
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