"Und der Künstler ist immer noch dieser: ein Tänzer, dessen Bewegung sich bricht an dem Zwang seiner Zelle. Was in seinen Schritten und dem beschränkten Schwung seiner Arme nicht Raum hat, kommt in der Ermattung von seinen Lippen, oder er muß die noch ungelebten Linien seines Leibes mit wunden Fingern in die Wände ritzen."

(Rainer Maria Rilke, Über Kunst III, 1898)
 
Skripturale Rhythmen im schwingenden Raum
Gedanken zum bildnerischen Schaffen von ELEONORE FUCHS-HEIDELBERG

Hauchfeine, sich überlagernde Farbschichten mit einer gleichwohl durchscheinenden Tiefe werden durch schwebende, waagerechte Farbfelder in der Bildfläche gegliedert und von rhythmischen, nach rechts geneigten Schraffuren akzentuiert. Es entsteht der Eindruck einer unleserlichen Schrift oder fremden Sprache, die das neugierige Auge fesseln und den Betrachter herausfordern, sich ihren Geheimnissen außerhalb der Sprachebene zu nähern.

Zunächst aktivieren sie das Erinnerungsreservoir und lassen die Gedanken schweifen von ostasiatischen Kalligraphien oder den ornamentalen Mustern persischer Miniaturen über die als schwingende Fläche geschaffenen Räume eines Paul Cézanne und den gestischen Bildschöpfungen eines Hans Hartung zu den glühenden Meditationsbildern eines Mark Rothko und den skripturalen Experimenten eines Cy Twombly. Doch geht die Künstlerin in ihrem bildnerischen Schaffen über die Ergebnisse aller kunstgeschichtlichen "Paten" hinaus ihren spezifisch eigenen Weg, der die optisch reizvollen, spontanen und anregenden Pinselhiebe der informellen Malerei mit dem planmäßig gestaltenden Vorgehen konstruktivistischer Prägung zu einer neuen malerischen Wesenhaftigkeit verbindet.

Die Bilder von ELEONORE FUCHS-HEIDELBERG sind in ihrer Farbigkeit stark zurückgenommen und beeindrucken dennoch durch ihre unglaublich nuancenreichen Abstufungen von Grau- und Brauntönen aller Helligkeitsgrade, die durch Beimengungen von Blau-, Rot- und Gelbtönen in unterschiedliche, mal mehr zu kühlen und düsteren, mal mehr zu strahlenden und helleren Stimmungen gebracht werden. Immer aber werden über die ortlosen Farbwolken mit den Reihungen der kalligraphischen Linien in kontrastierendem Schwarz und Weiß strukturierende Gefüge und Geflechte gelegt, die die Bilder halten und ihren vielschichtigen Bildaufbau in eine vibrierende Ruhe bringen.

Die auffallende Betonung des Horizontalen und die vorherrschende Rechtsneigung der skripturalen Bänder (die der europäischen Leserichtung entspricht) lassen die Arbeiten zunächst wie geheime Botschaften und verschlüsselte Briefe mit einer ihnen eigenartigen poetischen Wirkung erscheinen, doch zeigt die eingehendere Beschäftigung, dass dieses Verständnis buchstäblich zu sehr an der Oberfläche bleibt und der Betrachter das Nachdenken über die anderen Dimensionen der Bilder versäumt, wenn er sich zu sehr an der verschriftlichenden Erscheinung der Arbeiten aufhält.

Vielmehr haben diese "skriptural" erscheinenden Ebenen oder diese letzten und obersten Bildschichten auch eine durchaus formale Funktion: Sie legen eine Art Schleier aus Bewegung vor das Bild und verhüllen damit die sichtbaren Spuren seines Entsteh-ungsprozesses bzw. lenken den Blick davon ab. So schaue ich auf Fuchs-Heidelbergs Bilder wie in regenverhangene Landschaften, in denen dichte Nebelschwaden eine endlose einsame Weite mehr ahnen als sichtbar werden lassen. Doch wie der Spaziergänger im Nebel das Gehör benutzt, weil er weiß, daß die Welt da ist und er sie durch Lauschen wahrnehmen muß, wenn die Sicht eingeschränkt ist, muß man bei den Bildern von FUCHS-HEIDELBERG auf andere Ebenen des "Spürbewußtseins" gehen, um die dramatischen oder lyrischen Erlebnisschichten, die von hinten aus der Tiefe der lasierenden Schichtungen durchscheinen, auszuloten. Man könnte es auch mit den Worten des "Kleinen Prinzen" ausdrücken: Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Die in einem mal hektisch-leichten, mal kraftvoll-schweren Auf und Ab zuckenden Pinselschwünge setzen einen stark bewegten vertikalen Akzent gegen die schwebenden horizontalen Formen. Die dadurch erzeugte formale Spannung der senkrecht und waagerecht zerrenden Kräfte scheint von den im Bildschöpfungsprozeß ausgetragenen Kämpfen etwas fühlbar werden zu lassen. Gleichzeitig erzeugen die auf- und abtanzenden Linien so etwas wie eine sich durch alle Bilder hindurchziehende vitale Grundstimmung, die vor dem Hintergrund mal heiter, mal düster gestimmter Farbwolken wie in einem wissenschaftlichen Prozeß eine physische Reaktion aufzeichnet und sich als Erlebnisspur dem Betrachter mitteilt.

FUCHS-HEIDELBERGs skripturale Gebilde kommen daher nicht so sehr aus der Schrift als geistig-kulturellem Konstrukt des denkenden Menschen als vielmehr aus der Selbst-Vergewisserung der Existenz des fühlenden Individuums, das den Realitäten des Lebens sein "ich male, also bin ich" entgegenschleudert. Dabei offenbart sich die ebenso subtile wie maskierte Verknüpfung mit den Realitäten des Lebens in der ebenso vielsagenden wie witzigen, ironischen oder hintergründigen Titelwahl: Wer den Tanz der Farben und den Reigen der Pinselschwünge, die kontrastreichen Paarungen in "Pigeonary", 1997, (=Taubenschlag), oder das aufregende Verschichten von Dunkel vor Hell und Hell vor Dunkel in "Bumbercrop", 1997 (Rekordernte) betrachtet, gewinnt leicht eine eigene Vorstellung von den Ereignissen, denen die Bilder ihre Namen verdanken könnten.

Doch ist solches Wissen für das Verständnis der Bilder überhaupt nicht wesentlich. Viel mehr braucht es offene Augen, wache Sinne und ein empfindungsfähiges Herz.

 

Freising, im Januar 2000
Brigitte Hammer
 


Skripturale Rhythmen im schwingendem Raum
von Dr. Brigitte Hammer

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