|
Um Genaueres über Karl Heinz
Droste zu sagen, muss man an den Anfang der sechziger Jahre zurückkehren.
Damals war Droste dreißig Jahre alt, ein Newcomer, der sein
Studium der Malerei und Bildhauerei nach nahezu zehn Jahren Hochschulausbildung
in Halle, Leipzig und Westberlin abgeschlossen hatte; am Ende als
Meisterschüler von Bernhard Heiliger.
Es war prinzipiell eine Zeit allgemeinen Umbruchs. Neuartige künstlerische
Experimente - medial, stilistisch, technisch gesehen - existierten
nebeneinander oder lösten sich in rascher Folge ab. Europa
wie auch der nordamerikanische Kontinent glichen in den Zentren
der Kunst einem von Euphorie getragenen, gewaltigen Versuchsfeld.
In Deutschland allerdings verlief die Entwicklung nicht ganz so
stürmisch wie im westlichen Ausland.
Droste nun, um auf ihn zurückzukommen, gehörte und gehört
zu jenen, die nicht nur ihren eigenen Stil abseits vom Mainstream
erarbeiteten, sondern ihn auch über die folgenden Jahrzehnte
beibehielten und vervollkommneten. Zunächst ist festzuhalten,
dass die ersten der Öffentlichkeit präsentierten Arbeiten
Kraft und Eigenwilligkeit zeigten, wie sie für einen neu auf
den Plan tretenden Künstler nicht gerade symptomatisch sind.
Heinz Ohff schrieb damals in Bezug auf die Bronzereliefs von einem
Ziel, das schon im Start erreicht wurde.
Merkwürdig auch dies. War Karl Heinz Droste ein Frühvollendeter?
Natürlich nicht. Er hat freilich sehr bald gewusst, wo für
ihn der Weg entlangführt und, auch eine früh gereifte
Erkenntnis, er hatte gelernt, keine modischen Umwege zu machen.
Mit diesem inneren Gespür Drostes auch im richtigen Moment
an die Öffentlichkeit zu gehen, korrespondiert diese "Öffentlichkeit",
indem sie ihn innerhalb von nur wenigen Jahren mit einigen wichtigen
Preisen auszeichnet. Nicht etwa nur in Berlin, sondern auch überregional.
Seine erste wichtige Ausstellung, 1961, in der damals hoch angesehenen
Galerie Diogenes wurde von Will Grohmann eröffnet, der als
der Guru für das Zeitgenössische galt. Doch was war es
eigentlich, das die Aufmerksamkeit der Szene scheinwerferartig auf
Karl Heinz Droste lenkte? Immerhin gab es rundum eine ganze Anzahl
junger Berliner Hochschulabsolventen, Bildhauer, Maler, Graphiker,
die sich weitgehend vom Fünfziger-Jahre-Stil gelöst hatten
und unverbrauchte Mittel einsetzten. Ich meine, dass mit dem Auftauchen
Drostes eine sehr persönliche, aus dem inneren Kern erfahrene
Spielart von Kunst zutage trat, weder von großen, außengesteuerten
Strömungen geleitet, noch von kollektiven Erfahrungen innerhalb
des heimischen Umfelds.
Droste war immer ein Einzelgänger und ist es ein Künstlerleben
lang geblieben. Seine Arbeiten speisen sich im Prinzip aus dem Urgrund
der Natur und ihren Formationen, etwa den wechselhaften Erscheinungen
von Licht und Schatten, den Strukturen von Wachstum und Verfall,
den diametralen Polen von Stille und Aufruhr. Es ist eine in sich
ruhende Gegenwelt zur menschlichen Existenz. Der Mensch hat den
Künstler Droste als Motiv niemals interessiert. Vielmehr geht
es um Erscheinungsformen, die außerhalb der menschlichen Einflusssphäre
liegen.
Den Anfang seiner Laufbahn markieren die Bronzereliefs; von Droste
als rechteckige Tafeln oder aufstrebende Stelen gestaltet. Ihre
lebendige Außenhaut ist reich an Assoziationen für das
anorganische Sein. Bergmassive, Höhlen, Gesteinsbildungen,
Erdspalten formieren sich zu abenteuerlichen Gratwanderungen für
das Auge. Es sind Appelle an die Phantasie des Betrachters.
Gleichwohl hüten sie - en miniature - ihre Rätselhaftigkeit
und beflügeln umso mehr die Vorstellungskraft. Zum Gesamtoeuvre
Drostes zählen sie als nicht wegzudenkender, zentraler Komplex.
Mitte der siebziger Jahre zwingen schicksalhafte Lebensumstände
den Künstler, einen Brotberuf anzunehmen. Sein Gesamtwerk hat
sich seitdem auf andere Arbeitsfelder verlagert, nämlich Zeichnung,
Grafik und Fotografie. Allerdings sind auch diese drei Bereiche
von Beginn seines künstlerischen Schaffens in seinem Lebenswerk
verankert, wie alles bei Droste seine tiefen Verwurzelungen hat.
Schon während des Studiums entstehen fotoexperimentelle Arbeiten,
die er dann zu Beginn der achtziger Jahre wieder aufgreift. In den
Neunzigern stehen sie immer mehr parallel zu den Zeichnungen, bedingen
sich zum Teil gegenseitig.
Droste fotografiert Wälder. Er fotografiert sie nicht als Naturkulisse,
auch nicht als Dokument irgendwelcher Zerstörungen oder gar
als Aufenthaltsort für den Sonntagsausflügler. Der Mensch
bleibt, wie stets, ausgespart.
Der Betrachter der Fotos jedoch kann anhand der großangelegten
Cibachrome die künstlerischen Erfahrungen, ja Exaltationen,
nachvollziehen, die sich durch manipulative Eingriffe im Ergebnis
niederschlagen: Etwa die von Sonnenreflexen illuminierten Tiefenräume
eines Waldesdunkels. Absage auch an ein romantisches Lebensgefühl.
Mit den Wäldern, ob in und um Berlin, in der Harzgegend oder
auch in Irland, Reiseziel schon in den fünfziger Jahren, ist
ein weiteres Leitmotiv gegeben. Es geht um bewegte Strukturen. Felsen
stehen fest; Bäume biegen sich im Wind. Es entsteht, parallel
zu den Fototafeln, eine Reihe großformatiger Pastellzeichnungen,
sparsam in ihrer Farbigkeit, dynamisch im Bildaufbau. Bäume,
ganze Waldpartien, werden kreuz und quer gewirbelt. Ein Sturm fegt
durch das zeichnerische Werk. Chaos ist angesagt. Wer möchte,
kann diesen erstaunlichen Wandel als Befreiungsschlag empfinden.
Mitte der achtziger Jahre hatten wiederum äußere Umstände
Karl Heinz Droste zu Einschränkungen gezwungen. Aus Kostengründen
musste er sein Atelier aufgeben und konnte seither keine Radierungen
mehr auf eigener Presse drucken. Folgerichtig stellte er das Radieren
ein. Rein zahlenmäßig nimmt die Druckgrafik aber immer
noch den breitesten Raum in seinem Schaffen ein. In ihr werden die
gleichen Prinzipien evident, die das ganze Spektrum des breitgefächerten
Lebenswerkes bestimmen. Es handelt sich um eine Form von Identifikation,
um Anempfindung eines schöpferischen Menschen an die Elemente
der uns umgebenden Außenwelt, um Beobachtung und vielleicht
sogar Ehrfurcht vor dem Sein.
Die Ontologie Nicolai Hartmanns stellt die vier Bereiche anorganisches
Sein, organisches Sein, seelisches und am Ende geistiges Sein als
Rangfolge dar. Dem Künstler bleibt es vorbehalten, diese Bereiche
als ihm gleichwertige Bezirke mit seiner eigenen Kreativität
zu erfüllen und auszudeuten. So ist ein umfassender Werkkomplex
entstanden, der von unscheinbarsten wie auch von großdimensionierten
Phänomenen berichtet. Elemente, die dem Bereich der Natur entstammen,
vom Künstler jedoch oft in eine andere Dimension transportiert
werden; eine doppelt gefilterte Verfremdung, die die Phantasie des
Betrachters in Gang setzt. Vor uns steht ein vielschichtiges Oeuvre
mit immer wieder neuen, überraschenden Aspekten. Innerhalb
der aktuellen Kunstszene bleibt es ohne Parallelen. |